Forschungen zu den Menschen­rechtsligen

Seit 2008/09 werden die Liga, ihr Beitrag zur österreichischen Zivilgesellschaft und Zeitgeschichte sowie die Geschichte der internationalen Menschenrechte von einem Forschungsteam um o. Univ.-Prof. i. R. Dr. Dr. h. c. Wolfgang Schmale und MMMag. Dr. Christopher Treiblmayr am Institut für Geschichte der Universität Wien in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Liga für Menschenrechte eingehend untersucht.

Die erste Phase der Forschungen, die sich primär auf die österreichische Liga konzentrierte, wurde vom österreichischen Forschungsförderungsfonds (FWF, Projekt P-20475) finanziert. Im Zuge der bisherigen Forschungsarbeit entstand in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Liga für Menschenrechte unter anderem der Sammelband „Human Rights in Europe (1898-2016)“, zu dem hier nähere Informationen abrufbar sind.

Zu den engen Kooperationspartnern des Forschungsteams um Schmale und Treiblmayr zählt ein Forschungsschwerpunkt zur Geschichte der Demokratie und der Menschenrechte an der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien.

Der von Wolfgang Schmale und Christopher Treiblmayr herausgegebenen Sammelband „Human Rights Leagues in Europe“ (2017) bietet erstmals einen Überblick zur Geschichte der internationalen Menschenrechtsligen. Er enthält auch einen Beitrag von Treiblmayr zur Geschichte der österreichischen Liga.
1948 berichtete die österreichische Liga in ihrer damaligen Publikation „Liga-Korrespondenz“ über Bemühungen zur Wiedererrichtung des Ligen-Dachverbands. Zentrum Qwien, Archiv der Österreichischen Liga für Menschenrechte.

Als das Projektteam die Arbeit aufnahm, war bekannt, dass mit der seit 1945/46 erscheinenden Zeitschrift der Liga sowie mit ihrem seit der Wiederbegründung detailliert geführten Nachkriegsarchiv auf eine breite Quellenbasis für die Erforschung der Nachkriegszeit zurückgegriffen werden konnte. Allerdings gingen wir davon aus, dass ihr Vorkriegsarchiv seit der Auflösung 1938 verloren sei. Im Zuge des „Anschlusses“ Österreichs an das Deutsche Reich hätten die verantwortlichen Liga-Funktionäre – es waren zu diesem Zeitpunkt nur mehr Männer – die Unterlagen zum Schutze ihrer Mitglieder zerstört, oder sie seien von den NS-Institutionen konfisziert worden und dann verschollen. So die Auffassung in der damaligen Liga-Geschichtsschreibung, wie sie maßgeblich von Liga-Alt-Generalsekretär Prof. Dr. Erich Körner geprägt wurde. Er hatte in den 1970er Jahren anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Liga eine historische Artikelserie verfasst, auf die sein Nachfolger Dr. Feliks J. Bister in seinen historischen Forschungen aufbauen konnte. Die Artikelserie war auch eine erste Basis für die Arbeit des Projektteams. Wie sich im Fortgang unserer Recherchen herausgestellt hat, stimmt die Annahme vom Verlust des Archivs 1938 jedoch nur teilweise.

 

Es hat sich nämlich gezeigt, dass der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS das 1938 in Wien beschlagnahmte Material nach Berlin verschaffte und durch ein eigenes Österreich-Auswertungskommando „nach weltanschaulichen Gesichtspunkten“ auswertete. Die Archivalien wurden zu Ende des Zweiten Weltkriegs erneut konfisziert, die Rote Armee verbrachte sie in ein „Sonderarchiv“ des späteren KGB nach Moskau. Trotz der bekannt schwierigen Arbeitsbedingungen in diesem „Sonderarchiv“ konnte Treiblmayr bei einer Forschungsreise nach Moskau 2010 umfangreiches Aktenmaterial zur Liga auffinden, darunter bislang unbekannte Gründungsdokumente der Liga.

Links: Ausstellung zur Liga-Geschichte an der Universitätsbibliothek Wien Rechts: Eröffnung der Ausstellung zur Liga-Geschichte an der Universitätsbibliothek Wien, 23.10.2013 Liga-Vizepräsidentin Mag. Terezija Stoisits, HR Mag. Maria Seissl (UB Wien), o. Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Schmale, Dr. Christopher Treiblmayr" © Martin Steinreiber, UBW

2018 bis 2020 konnte mit finanzieller Unterstützung des Zukunftsfonds der Republik Österreich (Projekt P17-3022), des Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus sowie der Historisch-Kulturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Wien ein weiteres Teilprojekt realisiert werden.

Die im bisherigen Projektverlauf zusammengetragenen Unterlagen aus der Zeit vor der Auflösung 1938 wurden in das Nachkriegsarchiv der Liga integriert, das 2017 über Vermittlung des Projektteams dem Archiv des außeruniversitären Forschungs- und Kulturzentrums Qwien als Dauerleihgabe übergeben wurde. Außerdem konnte das von HR Dr. Claus Perko geführte Archiv der Landesstelle Steiermark sowie Material aus den Privatarchiven von Alt-Generalsekretär Dr. Feliks J. Bister und Alt-Generalsekretärin Dr.in Marion Wisinger für die Langzeitarchivierung gesichert werden.

In dem umfangreichen Teilprojekt erfolgte eine Aufarbeitung dieses gesamten, wiedervereinigten Archivs der Liga nach archivalischen Gesichtspunkten (Projektleitung: Christopher Treiblmayr, Hauptbearbeiter: Mag. Thomas Tretzmüller). Es steht nun – nach Maßgabe des Datenschutzes – am Zentrum Qwien für die wissenschaftliche Forschung und eine interessierte Öffentlichkeit zur Verfügung. Weitere Informationen: www.qwien.at

 

Das Archiv bei Qwien anzusiedeln, das sich der Bewahrung und Vermittlung queerer Geschichte widmet, bot sich thematisch besonders an: So setzte sich die Liga bereits in den 1930er-Jahren für die Entkriminalisierung von Homosexualität ein; nach dem Zweiten Weltkrieg war sie lange Zeit die einzige Organisation in Österreich, die dies dauerhaft tat. Einblicke in dieses Engagement – eines ihrer kontroverseren Aktivitätsfelder – gibt ein hier zugänglicher Beitrag von Treiblmayr zur sogenannten „Ekstein-Petition“ 1930/31.

100-jähriges Bestehen

Einen weiteren wichtigen Schritt in der Aufarbeitung der Liga-Geschichte stellen die Aktivitäten zum 100-jährigen Gründungsjubiläum 2026 dar. Die Liga nimmt dieses Jubiläum zum Anlass, in einem von Christopher Treiblmayr geleiteten Projekt ihre Geschichte weiter aufzuarbeiten:

 Forschung, gezielte Archiverweiterung und Vermittlung sollen im Projekt „100 Jahre Österreichische Liga für Menschenrechte“ – gefördert vom Zukunftsfonds der Republik Österreich (P25-6161) und vom Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus“ – ineinandergreifen.

 

In Kooperation mit dem Institut für Geschichte der Universität Wien und Qwien werden Lücken im Archiv geschlossen und Ergebnisse breit zugänglich gemacht. Nähere Informationen inklusive einer kurzen Literaturzusammenstellung finden sich hier.

Wir danken unseren Kooperationspartner:innen und Fördergeber:innen für die freundliche Unterstützung:

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